Solargraphie

von Frank Nießen

Der Begriff Solargraphie setzt sich aus dem lateinischen Wort Solar = „Die Sonne betreffend“ und dem aus dem griechischen stammenden Wort Graphie = „schreiben, zeichnen“, zusammen.

Somit hat der Begriff Solargraphie die Bedeutung, dass hier die Sonne (Laufbahn) aufgezeichnet wird.

Mit der Solargraphie bietet sich eine einfache Methode die Sonnenlaufbahn aufzuzeichnen. Indirekt kann man hier auch Rückschlüsse auf die Sonnenscheindauer und Häufigkeit in dem Aufgezeich-neten Zeitraum auswerten.

Wenn man sich auf die Solargraphie einlässt, begibt man sich zu den Wurzeln der Photographie. Es ist eine der einfachsten Arten ein Bild auf ein Medium zu bannen. Das Prinzip ist als „Camera obscura“ bekannt, und bedeutet so viel wie Dunkle Kammer. Das Prinzip das durch ein kleines Loch in einem dunklen Raum ein auf dem Kopf stehendes Bild auf der gegenüber liegenden Wand projiziert wird, wurde bereits von Aristoteles (384-322 v. Chr.) beschrieben. Am Ende des 13. Jahrhundert wurde aus einem ganzen Raum kleinere Apparaturen mit denen dann die Sonne; Sonnenflecken und Sonnenfinsternisse indirekt beobachtet werden konnte, ohne direkt in das helle Sonnenlicht zu blicken. Im Jahre 1800 wurden kleinere tragbare Geräte die als Zeichenhilfe dienten unter anderem auch von Johann Wolfgang von Goethe genutzt um Gemälde zu zeichnen. Im Jahre 1826 war dann die Geburtsstunde der Fotographie. Der Franzose Joseph Nicéphore Niépce (1765 – 1833) hat die erste und noch heute erhaltene Fotographie im Heliographie Verfahren erzeugt. Mit einer Camera obscura wurde eine mit Asphalt beschichtete polierte Zinnplatte 8 Stunden!!! lang belichtet und danach mit Lavendelöl und Petroleum entwickelt und fixiert. Diese Aufnahme hat eine frappierende Ähnlichkeit mit den Bildern, die bei der Solargraphie entstehen.


Joseph Nicéphore Niépce (1826–1827): Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras. 20×25 cm auf öl behandeltem Asphalt. Durch die 8-stündige Belichtungszeit erscheinen die Gebäude sowohl rechter- als auch linkerhand sonnenbeschienen. Dieses Foto gilt allgemein als erstes der Welt.

Ausführung:

Man benötigt folgendes Material um eine Solargraphie Aufnahme zu machen:

  • Dose die Lichtdicht verschlossen werden kann
  • schwarz/weiß Fotopapier
  • Klebeband/Kabelbinder
  • Scanner

Als Dosen haben sich bei mir Kaffeedosen der Marke illy mit Schraubverschluss bewährt. Des Weiteren habe ich das beste Ergebnis mit einer Kaffee Aufbewahrungsdose in ovaler Form mit verschließbarem Deckel, die ich in einem „ein Euro Shop“ gekauft hatte, gemacht.

Die Dosen müssen im Vorfeld bearbeitet werden. Zum ersten muss man ein Loch in die Dosen einbringen. Ich habe dies mit einem Bohrer von 0,6 mm Durchmesser gemacht. Im Anschluss habe ich die Außen und Innenseite der Bohrung mit Schmirgelpapier entgratet und plan geschliffen, damit keine störenden Grate bzw. Kanten vorhanden sind, die die Aufnahme beeinträchtigen könnten. Da der Bildinhalt der Aufnahme auf dem Kopf Seitenverkehrt aufgezeichnet wird, bietet sich hier für das Loch das obere Drittel der Dose an. Somit wird der Sonnenverlauf auch in seinem Maximum aufgezeichnet. Um Reflexionen durch die Innenseite auf das Fotopapier zu verhindern, sollte man die Innenseite der Dose entweder mit schwarzem Karton verkleiden oder direkt mit schwarzer Sprühfarbe lackieren.

Jetzt verschließt man das Loch mit einem kleinen Lichtdichten Klebestreifen. Im Anschluss bringt man dann in einem dunklem Raum das Fotopapier in die Dose ein. Ich habe mir hierfür ein Paket Fotopapier der Marke „Ilfort Multigrade Fiber Matt“ bei ebay günstig ersteigert. Das Fotopapier sollte mit der Lichtempfindlichen Seite zum Loch eingebracht werden. Selbst wenn man das Papier verkehrt herum einlegt, erzielt man trotz allem ein Ergebnis, welches jedoch nicht so Lichtstark ist wie mit der ersten Variante. Dies ist mir in einem ersten Versuch versehentlich passiert und habe dies dann bewusst in der Aufnahme Nr.2 noch einmal wiederholt, um zu testen welche Variante die bessere ist. Dies sind dann die Vorbereitenden Maßnahmen die man treffen kann.

Will man nun den Sonnenverlauf eines halben Jahres dokumentieren, bieten sich hier die Markanten Tage der Sommersonnenwende und die Wintersonnenwende an. An diesen Tagen im Jahr hat die Sonne Ihre höchste bzw. ihre niedrigste Bahn. Die Sommersonnenwende findet immer um den 21. Juni statt, die Wintersonnenwende immer um den 21.Dezember. Bedingt dadurch das das Sonnenjahr knapp 6 Stunden länger ist als das Kalendarische Jahr wird in einem Schaltjahr, alle 4 Jahre, ein Tag hinzugefügt. Würde dies nicht geschehen, würde sich das Datum der Sonnenwende in jedem Jahrtausend um 7 bis 8 Tage verschieben. So jedoch verschiebt sich der Tag der Sommersonnenwende bzw. Wintersonnenwende nur ganz selten um einen Tag. Im Jahr 2019 ist dies der Fall. In diesem Jahr verschiebt sich die Wintersonnenwende auf den 22.Dezember und im Jahr 2020 verschiebt sich die Sommersonnenwende auf den 20.Juni. Beginnt man nun an diesen Tagen seine Belichtung für ein halbes Jahr, hat man am Ende, wenn alles gut läuft, auf einem Bild den Verlauf der Sonne zwischen der höchsten und der niedrigsten Sonnenbahn. Der unterschiedliche Verlauf der Sonnenbahnen ist der Neigung der Erdachse von rund 23,44 Grad geschuldet. Diese Neigung ist auch der Grund warum wir verschiedene Jahreszeiten haben. Eine längere Belichtung macht keinen Sinn, da sich dann der Verlauf der Bahnen wiederholt und diese dann überschrieben werden.

Die Dose sollte somit an dem Tag der Aufnahme in Südrichtung angebracht werden. Die Belichtung wird mit dem Entfernen des Klebebandes vor dem 0,6mm Loch gestartet.

Der Standort der Dosen ist wie folgt:

Dose 1

Aufnahmedauer: 21.Juni 2018 bis 21. Dezember 2018

Höhe: 1,8 m über Bodenniveau

Ausrichtung: Süd-Ost

Dose 2

Aufnahmedauer: 21.Juni 2018 bis 21. Dezember 2018

Fotopapier auf Licht unempfindlicher Seite Belichtet

Höhe: 1,8 m über Bodenniveau ca. 10 Grad nach oben geneigt

Ausrichtung: Süd

Dose 3

Aufnahmedauer: 21.Juni 2018 bis 21. Dezember 2018

Höhe: 3. Etage

Ausrichtung: Westen zur untergehenden Sonne

Jetzt ist Geduld gefragt und ein klein wenig Glück, das die Aufnahme nicht durch Umwelteinflüsse, Bautätigkeiten von Kleinstlebewesen vor dem Loch oder gar Neugierigen Mitmenschen die wissen wollen warum dort eine Dose hängt und was deren Inhalt ist, beschädigt wird. Sollte dies alles nicht zutreffen und die Belichtung läuft ohne Zwischenfälle optimal ab, kann die Dose nach einem halben Jahr zur jeweiligen Sonnenwende „geerntet“ werden.

Jetzt müssen die Dosen nacheinander in einem dunklen Raum geöffnet und das Belichtete Fotopapier vorsichtig entnommen werden. Das Papier wird im Anschluss auf einen Scanner gelegt und abgescannt. Da der Scann Vorgang das Fotopapier zerstört, muss hier auf jeden Fall ein Vor- scann zur Einstellung des Bildausschnittes ausgeschaltet werden. Dies kann im Vorfeld mit einem normalen Blatt Papier eingestellt werden. Ich habe den Scanner auf 300 dpi und einer Bittiefe von 24 eingestellt.

Hat man die Bilder nun in digitaler Form als TIFF oder JPG File vorliegen, müssen diese in einem Bildbearbeitungsprogramm nur noch invertiert und Seitenrichtig gedreht und gespiegelt werden. Im Anschluss kann man noch den Kontrast und die Helligkeit hervorheben und nach Belieben einstellen.

Es ist schon faszinierend mit welchen einfachen Mitteln man ein solches Bild erstellen kann. Es hat schon fast einen Experimentell Künstlerischen Charakter. Von der Fototechnischen Seite her muss man sich einfach einmal die extrem lange Belichtungszeit vor Augen führen.

½ Jahr = 365/2 Tage = 4.380 Stunden = 262.800 Minuten = 15.768.000 Sekunden

Über 15 Millionen Sekunden Belichtungszeit. Wer kann das schon mit einer noch so teuren Kamera leisten und im Anschluss ein Ergebnis vorweisen?

Interessant wäre eine solche Aufnahme auch in der Nähe der Pole. Hier sollte dann zu dem Zeitpunkt der Polartage eine Sinusförmige Abbildung herauskommen

Bild Dose 1 Original Scan

Bild Dose 1 invertiert, seitenrichtig gespiegelt und bearbeitet

Bild Dose 2 Original Scan

Bild Dose 2 invertiert und bearbeitet. Eine Seitenrichtige Spiegelung
entfällt, da von der Licht unempfindlichen Seite aus belichtet wurde.
Dadurch ist dieses Bild aber auch dunkler und Detail ärmer.

Bild Dose 3 Original Scan

Bild Dose 3 invertiert, seitenrichtig gespiegelt und bearbeitet

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